Bodega Bay


Menschen in Mitteleuropa, die die Folgen des Klimawandels bisher weniger spüren und negative Auswirkungen auf ihr Leben in geringerem Maße ertragen müssen als Menschen in anderen Teilen der Welt, fragen sich, wie man denn den Klimawandel wahrnehmen kann, wo doch abzusehen ist und von Wissenschaftlern bestätigt wird, dass ein gefährlicher Klimawandel allen zusetzen wird - die Zeichen sind doch gar nicht eindeutig!?

Hilfreich für unser beschränktes Vorstellungsvermögen kann der Vergleich mit Alfred Hitchcocks 'Die Vögel' sein, der wie andere seiner Filme auch den Effekt von 'suspense' nutzt. 'Suspense' kann man als Spannung zwischen der beschränkten Wahrnehmung oder dem beschränkten Wissen und dem größeren Wissen des Zuschauers beschreiben. Man kann auch sagen, dass die Akteure, hätten sie ihre eigenen Wahrnehmungen frühzeitig richtig gedeutet, nicht in die große Gefahr geraten wären, die der Handlung ihre Dramatik verleiht. In einer vorgestellten Rückschau, mit den vergegenwärtigten Erfahrungen, könnten die Akteure zu der Erkenntnis kommen: Hätte ich die Zeichen doch richtig gedeutet!

Der Film und mit ihm unsere Wahrnehmung des Klimawandels können in vier Phasen unterteilt werden:

Phase 1: In einer idyllischen amerikanischen Kleinstadt am Meer, Bodega Bay in der Nähe von San Francisco, tauchen immer mehr, ungewöhnlich viele Vögel auf. Das Phänomen ist für die Akteure wahrnehmbar und wird durch den Zuschauer wahrgenommen, es hat aber keine Auswirkungen auf das Alltagsleben und wird von den Handelnden im Film nicht beachtet. - Veränderungen des globalen Klimas werden von Wissenschaftlern konstatiert, beschrieben und prognostiziert, von uns aber nicht beachtet, weil wir unser Leben ohne Einschränkungen führen können.

Phase 2: Einzelne werden von Vögeln attackiert, diese Angriffe werden von den anderen Akteuren aber nicht als Teil einer Entwicklung gesehen, sondern als ungewöhnliche Einzelphänomene, die meistens andere widerfahren; die Filmhelden nehmen sich selbst als Zuschauer und Helfende, nur in einem Fall auch als Betroffene wahr. - Wir sind Zuschauer und spendenfreudig, wenn Unwetter und Dürreperioden Mitmenschen, oft am anderen Ende der Welt, bedrohen. Die Katastrophen werden aber nicht im Zusammenhang wahrgenommen und betreffen uns für gewöhnlich nicht unmittelbar.

Phase 3: Die allen unmittelbar drohende Gefahr wird den im Film Handelnden gegenwärtig; die Betroffenen, die sich in die Häuser zurückziehen müssen, versuchen, die Ursachen zu verstehen. Schuldige werden gesucht, Verschwörungstheorien entwickelt. Jetzt wird allen klar, dass die Zeichen früher erkannt hätten werden können. Die einzige Möglichkeit, sich vor der Gefahr zu schützen, liegt noch im Rückzug hinter die schützenden Mauern. - So verschanzen sich Menschen im fortschreitenden Klimawandel hinter Mauern und Grenzbefestigungen, um sich vor der Bedrohung ihrer Lebensweise zu schützen, vor den Klimaflüchtlingen, vor dem Hunger, vor den bewaffneten Konflikten.

Phase 4: Die Vögel werden so aggressiv und übermächtig, dass sie trotz aller Schutzmaßnahmen in die Häuser eindringen und das Leben der Menschen zerstören; im Film ergreifen die Helden die Flucht nach San Francisco. - ...

Von dem Klimaforscher Wallace Broecker stammt die Warnung: "The climate is an angry beast, and we are poking it with sticks." Wir sollten die Wirklichkeit der Bedrohung endlich anerkennen, damit wir unsere Untätigkeit in der Rückschau nicht bedauern.


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